Standing ovations: Die Beethoven Klavierkonzerte mit Jan Lisiecki

Review: Die Beethoven-Klavierkonzerte von Jan Lisiecki sind Begeisterung, Klarheit und Brillanz. Hörenswert vor allem: eine neue Referenz-Aufnahme.

Die fünf Beethoven Klavierkonzerte sind unzählige Male eingespielt worden.  Wer sie noch nicht kennt: Liegt hier genau richtig. Wer sie kennt: Sollte unbedingt reinhören. Here’s why.

Das erste. Diese erste Aufnahme ist ein Ereignis. Lisiecki mit einer großen Überraschung: Live im Dezember 2018 im Berliner Konzerthaus aufgenommen, ist diese Interpretation ein weiterer Höhepunkt in der Karriere des Kanadiers. Von großer Emotion, großer Klarheit, unglaublicher Präzision. Kongenial, herrlich leidenschaftlich und über viele Tempo-Wechsel hinweg mit großer Aufmerksamkeit und Zugewandtheit begleitet von der Academy of St. Martin’s in the Field. So  hat man das Konzert noch nicht gehört. Sensationell. Neue Referenz-Aufnahme.

Das zweite. Ist per se kein Aufreger. Mit Blick fürs Detail eingespielt. Stimmig Teil der Gesamtaufnahme.

Das dritte. Das Orchester versprüht zu Beginn weniger Feuer, als es könnte. Lisiecki dann abwechselnd brillant und introvertiert. Der zweite Satz von großer Innigkeit getragen. Der dritte Satz hält, was die Box auszeichnet: Feuer und Brillanz.

Jan Lisiecki’s Beethoven Klavierkonzerte: exciting, intimate, brilliant.

Das vierte. Ganz schwieriger Fall. Eines meiner Lieblingswerke, ein sinfonisches Konzert, extrem schwer in den Griff zu bekommen: Einerseits die Spannung halten. Andererseits die unglaubliche Abwechslung möglich machen.

Lisiecki kennt das Stück nur zu gut. Mit dem vierten hat er seine Karriere begonnen: Als er unter Abbado kurzfristig für die erkrankte Martha Argerich eingesprungen war. Mit dem vierten später sein Debut in der Carnegie Hall unter Annick Nézet-Seguin, ebenso sein Debut in der Suntory Hall in Tokio.

Für mich muss die Aufnahme gegen Pollini / Abbado / Berliner Philharmoniker 1994 bestehen.

Die Academy muss hinter den Berlinern nur unbedeutend zurückstehen. Ausgerechnet hier zahlt sich der größere Orchesterklang mal aus. Die Academy zeigt dennoch zuweilen mehr Biss, begleitet insgesamt engagierter. Unglaublich gefühlvolles Zusammenspiel. 

Lisieckis Ansatz unterscheidet sich völlig von Pollinis. Pollini zieht perfekte Linien. Lisiecki zeigt perfekte Phrasierung. Im 1. Klavierkonzert schafft das fröhliche Frische, dem vierten fehlt dadurch zu Beginn die Überzeugungsraft.

Herrlich dann jedoch die Brillanz in der Durchführung, da begeistert Lisiecki mit seiner irren Technik. Manchmal traut er sich nicht an allen Stellen zu zaubern, wie Pollini. An anderen nimmt er sich Freiheit, die er mit dem BPO niemals bekommen hätte – die Academy folgt ihm auf Schritt und Tritt. Zuweilen spürt man Schwierigkeiten, das große Ganze im Blick zu behalten. Aber: Die Kadenzen hat man so noch nicht gehört. Spektakulär.

Überraschend zügig beginnt der zweite Satz. (Wie auch die Kadenzen) überraschend modern gespielt – dafür, dass ihm die Phrasierungen an vielen Stellen sehr klassisch geraten.

Der dritte Satz ein Feuerwerk. Da packt Lisiecki das Besteck aus. Dynamik, Tempi, Phrasierung, Transparenz: Mit dem Vertikutierer pflügt er durch diesen Satz. Brutale Frischzellenkur. Das wirkt teils etwas verspielt aber teils auch extrem wach und aufregend und inspiriert. Die Schwankungen sorgen zuweilen für Schwierigkeiten mit der Balance: es wirkt dann entweder zu introvertiert oder zu extrovertiert. Daraus entsteht andererseits eine große Spannung: Die manchem zu unausgeglichen sein wird, die aber ein Hör-Erlebnis garantiert, das einem nicht jeden Tag widerfährt. Das Finale verdient ein Bravo. Er kann’s. Diese Aufnahme muss man öfter hören. Am Ende für mich nicht ganz der Pollini. Keine neue Referenz, wie das erste Konzert. Aber ein Achtungserfolg in diesem Duell auf Augenhöhe.

Das fünfte. Da zeigt sich schon in der Eröffnung, welche Vorteile ein Kammerorchester hat bei so einem Stück. Frisch, aufregend, transparent und alles andere als schwerfällig gelingt die Partie. Herrlich die Trommeln, die Streicher, die Hörner, die allesamt um die Wette strahlen.

Hier zeigt sich auch am Finale der Box, wie gut die Entscheidung von Lisiecki war, die Gesamtaufnahme der Beethoven Konzerte mit diesem Ensemble zu spielen. Das passt einfach. Lisiecki geht das Konzert mit denselben Kontrasten an, wie schon die Konzerte zuvor. Perfektion und Zurückhaltung. Brillanz und Kontrolle. Große Emotion und im entscheidenden Moment auch große Ruhe. Unvermittelt Drama in der Durchführung des ersten Satzes. Sofort kontrastiert von einer tiefen Wärme – hier ist ein Meister unterwegs. Souverän durch das höllische Solo.

Der zweite Satz kommt ohne Schmalz und Pathos aus. Einfach, gelassen, innig. Etwas zügig. Herrliche Holzbläser.

Das Finale: eine show of force. Halsbrecherisch, aber ohne Verluste. Warum er ausgerechnet hier darauf verzichtet, die wenigen magischen Moment, die die Partitur erlaubt, auch auszukosten, um für Kontrast zu sorgen, liegt wahrscheinlich im Live-Auftritt begründet: Durchkommen und keine Schwäche zeigen. Da bleibt noch Luft nach oben. In jedem Fall ein furioses, ein würdiges Finale für eine tolle, überzeugende Box – das ausgerechnet mit dem ersten Konzert eine absolut herausragende Aufnahme bietet. Ganz zurecht standing ovations.

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Lisiecki Beethoven 1