Tippen und Padden: Wer wird heute noch zur Handschrift gezwungen?

 

Oft klein,  selten groß, unruhig oder schief, meistens blau, manchmal schwarz, eng und gedrängt – es sind meist keine angenehmen Adjektive, die viele Leser beschleichen, wenn sie sich mal nicht mit gepixelten Texten auf flachen Bildschirmen  befassen, sondern mit den immer seltener werdenden Zeugnissen handschriftlicher Arbeiten auf Papier.

Von Christoph Bieber

Pessimisten wittern hier – natürlich – Verfall und Untergang des Abendlandes: eine unmittelbare Folge der Digitalisierung, der technologisch beschleunigten, inhaltlich entleerten Kommunikation mit 140 Zeichen, in kryptischen Statusupdates, Abkürzungen oder Emoticons. Jedenfalls ein Schreiben mit Tastatur oder Touchscreen, wenn nicht gar über Spracheingabe. Die Niederschrift von Gedanken, Wörtern und Sätzen mit analogen Hilfsmitteln wie Stift und Papier wird in die Nische gedrängt.

Es ist kein Wunder, dass sich der Autor dieser Kolumne gerade jetzt mit diesem digital-analogen Alltagsthema auseinandersetzt, denn in die vorlesungsfreie Zeit fällt eben auch einer der seltenen Berührungspunkte mit studentischer Handschriftarbeit. Die Korrektur der Vorlesungsklausuren erfordert „högschde Disziplin“ (Jogi Löw), denn die vorgelegten Leistungen sind oft nur schwer zu entziffern. Das studentische Feedback zur Klausur hatte schon eine unvermutete Zusatzprüfung angedeutet: zu schwierig waren die Aufgaben eigentlich nicht, thematisch vielleicht etwas breit gestreut, aber nicht unfair. Nur: die Bearbeitungszeit habe nicht ausgereicht, schließlich sei ja so viel zu schreiben gewesen, und wann habe man schließlich schon noch mal einen Stift in der Hand?

Nun könnte man über solche Einwände schulterzuckend hinwegsehen oder in das allgemeine Lamento über den Niedergang von althergebrachten Kulturtechniken einstimmen – schließlich ist das Wettern über den Verfall der digitalen Schriftkultur im Elfenbeinturm gerade in Mode, sogar in akademischen Fachblättern werden Stilblüten studentischer Online-Kommunikation kommentiert (was in der Regel heißt: mit spitzen Fingern angefasst und stirnrunzelnd in Rubriken wie „Fundsachen“ einsortiert).

Man könnte aber auch darüber nachdenken.

Es wird ja durchaus einiges an Zeit investiert in die Schulung von wissenschaftlichen Arbeitstechniken, doch spielt auch hier die Nutzung von Stift und Papier immer seltener eine Rolle. Das digitale Recherchieren, Präsentieren und Literaturverwalten verlegt die Arbeit vom ersten Semester an auf den digitalen Schreibtisch – doch die Reduktion der klassischen Papierarbeit wird auch didaktisch fortgesetzt: schriftliche Hausarbeiten, aber auch die bisweilen geforderte Seminar-Essayistik, sind als Textdatei einzureichen und die Gestaltung von Klausuren als Multiple-Choice-Tests verlangt von Studierenden motorisch meist nur noch das Setzen von Kreuzen.

Das altmodisch-schriftliche Beantworten von Klausuraufgaben ist wohl tatsächlich zu einer Art hochschulkulturtechnischem Ausnahmefall geworden – vielerorts spitzt sich die Lage weiter zu, denn inzwischen werden Klausuren auch in der PC Hall geschrieben: damit ist das Lösen einer Klausuraufgabe „an einem vorgegebenen Ort in/zu einer vorgegebenen Zeit unter Aufsicht an Hardware der Universität“ gemeint (Zyniker sehen hier vielleicht eine adäquate Vorbereitung auf die Monotonie des Berufslebens im Großraum- oder Heimbüro).

Das Nachdenken über die Zukunft der Klausur kann aber auch zurückführen an den Anfang des Schreibens – das Lernen von Buchstaben, Wörtern und Sätzen lässt sich inzwischen auch gut mit Stift und Screen realisieren. Und natürlich gibt es eine ganze Reihe von Initiativen und Anwendungen, die das  Schreiben lernen mit dem Tablet fördern – die Zielgruppe sind hier allerdings Kindergarten- und Schulkinder, nicht Studierende.

Darüber, dass die mediale Form des Schreibens auch auf den Inhalt wirkt, haben sich bereits Generationen von Germanisten den Kopf zerbrochen – am nachdrücklichsten vielleicht am Beispiel von Franz Kafka, der mit dem Stift in der Hand ganz sicher Schlimmeres erlitten hat als die aktuelle Studierendengeneration. In seinen Tagebüchern hat er notiert: „Nur das Schreiben ist hilflos, wohnt nicht in sich selbst, ist Spaß und Verzweiflung.“ Insofern wohnt der Arbeit von Julia Bausenhardt unerwartet Versöhnliches inne: sie hat eine Bildschirmschrift entwickelt, die auf dem Schriftstil von Franz Kafka basiert.

Aus dem Kafka-Schrift-Alphabet von Julia Bausenhardt.

 

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Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit Prof. Dr. Thorsten Faas. 

Foto: Ausschnitt einer Arbeit von Julia Bausenhardt. Man kann die Schrift hier auch kaufen.