Twitter und die Macht. Ist der blaue Vogel längst PR-Spielzeug?

 

Dieser Twitter! Nichts als Ärger macht der kleine blaue Vogel, zumal dann, wenn es um Politik geht.

Von Christoph Bieber

140 Zeichen heiße Luft war vor mehr als drei Jahren noch eine der milderen Einstufungen des Qualitätsjournalismus. Meist gab es Häme in Kübeln,  verabreicht mit einer Attitüde des Besserwissens.

Nach einiger Zeit allerdings gab es eine Wende – denn ein paar Journalisten begannen das Werkzeug für die eigene Arbeit zu nutzen und lieferten sich alsbald erbitterte Kämpfe um den virtuellen Titel des followerstärksten deutschen Accounts. Die Folgen sind bekannt, die hier auf Antrobius veröffentlichten Bekenntnisse einer Twitter-Tussi sind ein aktuelles Zeugnis dieser eigenartigen Debatte.

Und nun das, mitten in der eigentlich von Stille und Besinnlichkeit geprägten Adventszeit: Twitter dient sich den Mächtigen an! Den äußeren Anlass für die nächste Runde im kritischen Kampf gegen die Kurzmitteilungen lieferten die Parteitage von CDU und SPD, denn auf so genannten „Event-Sites“ wurden Tweets mit den entsprechenden Hashtags präsentiert – den Hintergrund lieferten das Parteilogo und Screenshots aus Hannover. Stein des medialen Anstoßes war eine Vorauswahl prominenter Parteimitglieder mit Twitter-Lizenz und die bevorzugte Durchleitung deren Berichte. Ganz eilige riefen daraufhin Zensur!, und erst über diesen Umweg der digitalen Aufregung gelangte der „Fall“ dann in den Kreislauf der klassischen Berichterstattung. (Das ist auch insofern interessant, da in einer Pressemitteilung der CDU vom 3.12. über die „zum ersten Mal bei einem politischen Ereignis in Deutschland“ geschaltete „Event Page“ informiert wurde).

Ein Schelm ist, wer dabei an die gerade brodelnde Debatte um das Leistungsschutzrecht und die Kontroversen zwischen Verlagen und Google als großem Bösewicht und Bote der Digitalisierung denkt. Erst die bunte Krake aus Mountain View und jetzt also der blaue Vogel aus San Francisco. Twitter „vermischt Inhalt und Marketing“ (Spiegel Online) bzw. „schönt den Parteitag“ (Sueddeutsche.de). Nun ist Twitter allerdings kein journalistisches Angebot, sondern… etwas anderes. Das Unternehmen operiert an den Schnittstellen neuer digitaler Öffentlichkeiten, die immer auch Marktplätze sind – und das wissen auch die Verlage.

Die Nutzer (und künftig wohl auch: die Kunden) von Google, Twitter und anderen wissen dies aber auch – aus der Sicht von CDU und SPD war es durchaus rational, sich in dieser modernen Umgebung in den digitalen Medien zu präsentieren. Den Volksparteien geht es einerseits um Reichweite und andererseits um eine für sie immer schwerer zu erreichende Zielgruppe, die zuletzt in die Fänge von Piraten geraten schien. Warum also nicht einmal etwas Neues ausprobieren?

Dabei befinden sich CDU und SPD in prominenter, für manche sogar höchster Gesellschaft – nur wenige Tage vor dem Treffen der Christdemokraten gab Papst Benedikt bekannt, dass der Account @pontifex in Kürze den Betrieb aufnehmen wird, und das gleich in acht Sprachversionen. Ohne auch nur ein einziges Zeichen zu twittern, hat @pontifex bereits knapp 600.000 Follower angezogen – bis zum Mittwoch muss sich die Gemeinde aber noch gedulden, erst dann wird der erste Tweet versendet werden. Bis zur ersten „Twaudienz“ können mit dem Hashtag #AskPontifex Fragen an den Vatikan gestellt werden.

Genau dieses Muster des Twitter-Interviews macht sich nun auch der frisch gekürte SPD-Kanzlerkandidat @PeerSteinbrueck zu nutze. Er brachte es an seinem ersten „Twochenende“ auf einen Tweet und mehr als 4.000 Follower – immerhin. Ebenfalls bis Mittwoch können interessierte Bürger Fragen stellen (#FragPeer), es sieht beinahe so aus, als wolle man bei den Sozialdemokraten auf mediale Mitnahmeeffekte setzen. Sprechstunde bei Twitter? Da war doch was.

Das kindische Kleinst-Medium Twitter ist also auch in der deutschen Politik angekommen, und sicherlich kann man schon irgendwo wetten, wann sich auch Angela Merkel so ein blaues Vögelchen ins Haus holt. Mindestens eine gute Gelegenheit gibt es in diesem Jahr noch, die #Neujahrsansprache.

 

PS: Warum steht das Gezerre und Gezanke auf und um Twitter eigentlich in dieser Kolumne, die sich doch mit der Mediennutzung aus der Elternperspektive beschäftigen will? Weil dieser Twitter doch eigentlich ein prima Medium für Kinder ist. Sagt zumindest eine Vorschullehrerin (!) in New York, die den Dienst im Unterricht (!!) einsetzt: „Für mich ist Twitter ideal für Fünfjährige, denn es ist so schön kurz. Es regt sie an zum Nachdenken über ihren Tag und hilft zusammenzufassen, was sie denn so alles gemacht haben. Denn meistens ist es doch so: wenn die Eltern fragen, wie es im Kindergarten war, dann sagen die Kinder: Ich weiß es nicht.“

 

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Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. okay, and sports. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit DR. FAAS.