Unter Dreien ist die neue Öffentlichkeit: Wie die Erfinder des Internet Privatheit neu definieren.

 

NSA, GQHC, DGSE – selten sind die Aktivitäten von Geheimdiensten befreundeter Nationen gleichzeitig so sehr ins Rampenlicht geraten wie in die letzten Tagen. Die Enthüllungen zeigen, wie die Erfinder des Internet den Begriff von Privatheit neu definieren. Sicher privat sind – wie im 19. Jahrhundert – einzig der handgeschriebene Brief oder der konspirative Kontakt. Wie verändert das die Freiheit der Rede?

Von Kay Meseberg

Rein technisch gesehen, kann man NSA-Chef Keith Alexander kaum widersprechen. Er wollte einen großen Heuhaufen, in dem er im Kampf gegen den Terror nach Daten suchen wollte. Je mehr Daten vorliegen, umso mehr kann man auswerten. Klar ist mit dieser Herangehensweise aber auch, dass so die Potentiale des Netzes demonstriert werden, wenn es um Möglichkeiten der Überwachung des Datenverkehrs geht. Selten wurde das geflügelte Wort vom Netz als größten Medium der Freiheit wie der Unfreiheit so eindrücklich demonstriert wie dieser Tage.

Dass hierbei die Geheimdienste der USA, Großbritanniens und Frankreich beim Spähen nach digitalen Daten erwischt wurden, ist insofern ein Treppenwitz der Geschichte, als in diesen Ländern zuerst an dem geforscht wurde, woraus später das Internet wurde – wie es Mercedes Bunz in ihrem Buch “Vom Speicher zum Verteiler” beschreibt.

Das was sagt uns all das? Chatham House Rules sind ähnlich der deutschen Regel “Unter Drei” ein ungeschriebenes aber deshalb umso wirkungsvolleres Gesetz, wenn es um vertrauliche Informationen geht. Wer sich nicht daran hält, ist draußen – oder mindestens unter informeller Quarantäne.

Doch wie geht man damit um, wenn der Dritte ein Geheimdienst (oder gleiche mehrere) sein könnten, die ohnehin Gesagtes und digital notiertes mitspeichern könnten?

Es ist schon verflixt, denn die Leaks des Edward Snowden offenbaren, dass es Geheimhaltung bei digital verbreitenden Informationen schwer hat. Wenn sogar diskutiert wird, ob denn nun das superdupersichere Smartphone der Bundeskanzlerin wirklich sicher sei, ist eine Schwelle erreicht, die die Frage nach Geheimhaltung und Öffentlichkeit neu stellt.

Ein geschulter Systemadministrator hat bei all den gespeicherten Daten die Macht, die relevanten Informationen zu kopieren und der Öffentlichkeit zu präsentieren, wie im Fall Snowden geschehen. Das zeigt zunächst die Macht, die von denen ausgeht, die mit den Daten umzugehen wissen. Es zeigt aber auch, wie anfällig die Informationsarchitektur digitaler Medien ist. Und stellt so gleichzeitig die Frage, was denn mit der Freiheit der Rede geschieht, wenn das getippte, in Clouddiensten gespeicherte und digital verschickte Wort permanent aufgezeichnet wird.

Denn eines der verfassungsgemäß am höchsten angesiedelten individuellen Rechte, das auf freie Rede, wird plötzlich durch Speicherung des getippten Wortes zu einem abruf- und somit stets nachprüfbaren Verhalten klassifiziert.

Der britische EU-Abgeordnete David Campbell Bannerman hat es im Interview mit ARTE Future abwiegelnd auf den Punkt gebracht. Seiner Meinung nach würden doch eh alle Geheimdienste – egal ob die befreundeter Staaten oder nicht – abhören. Nur ist eben dieses Abhören heute etwas anderes als in Zeiten von Tonbändern und Kassette. Der Qualitätsschub durch die Speicherbarkeit mit Hilfe des Internets durchdringt mit diesen der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Speicherpraktiken die bisher bekannten Grenzen und stellt die Fragen, was denn nun wirklich noch privat und was öffentlich ist.

Alle im Internet kommunizierten Informationen sind – egal ob privat oder nicht – irgendwo gespeichert und somit der Veröffentlichung durch neue Snowdens ausgeliefert. Ob sich daran in Zukunft etwas ändern wird, entscheiden sie und ihre Vorgesetzten, die oftmals nur mit  Halbwissen über die Verbreitungsmöglichkeiten der auf Serverfarmen liegenden Daten ausgerüstet, bereits jetzt den kalten Schweiß auf der Stirn täglich ins Büro tragen dürften.

Insofern verwundert es doch erheblich, dass nun gerade die Nationen, die das Netz haben erforschen lassen, mit ihrem Streben nach Geheimhaltung ihres eigenen Tuns gescheitert sind. Obwohl sie technisch gesehen am weitesten vorgeschritten sein mögen, abgesehen vielleicht von China und Russland, haben sie den Faktor der Mensch und der Macht, die sich in den Händen weniger kenntnisreicher Personen sammelt, wohl deutlich unterschätzt.


Kay Meseberg ist ein wandelndes Onlinefeuilleton. Digitaljournalist bei arte, Regisseur für 2470media, und ansonsten konzentrierter Beobachter der… ja, der Welt. Im Team mit 2470media hat Kay Meseberg den Deutschen Reporterpreis 2010 gewonnen – und 2012 den Grimme-Online-Award für Berlin folgen!. Der Berufsvirtuose im crossmedialen Raum versorgt ANTROBIUS mit Anstößen über Machtfragen und Überlegungen zum (digitalen) urbanen Überleben.

 

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