US-CONVENTIONS: CHECKED. On with the Horse-race.

Wahlforscher Dr. Thorsten Faas erklärt, warum Convention Bumps nicht wehtun, pfeift nach den Nominierungsparteitagen im US-Wahlkampf die Aufwärmphase ab und prophezeit einen Hocker-Chat von Günter Grass.

von Thorsten Faas

Nun sind sie Geschichte, die beiden US-amerikanischen Conventions – die republikanische in Tampa (Florida) und die demokratische in Charlotte (North Carolina). Sie haben ihren Zweck erfüllt: Die Duellanten für das große Finale am ersten Dienstag nach dem ersten Montag im November stehen offiziell fest.

Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl treten an:

  • In der roten Ecke der Herausforderer Willard – The Mitt – Romney.
  • In der blauen Ecke der Titelverteidiger: Barack – Hope – Obama.
  • Es sekundieren Paul Ryan bzw. Joe Biden als VP-Kandidaten.

Große Hallen, ganz große Szenen und noch größeres Pathos. Wir haben symbolisch-inszenierte Politik in nahezu höchster Perfektion erlebt. Doch was wird uns von diesen beiden Conventions in Erinnerung bleiben? Altmeister Clint Eastwood, der sich mit einem leeren Stuhl unterhält, vermutlich. Irgendwie beruhigend zu sehen, dass nach monatelanger Vorbereitung, stundenlangen Fokusgruppen und minutiöser Planung eben doch nicht alles glatt läuft.

Nicht nur die Republikaner erlebten mit #eastwooding Turbulenzen, auch die Demokraten kamen unerwartet in Schwierigkeiten. Dass in ihrem Wahlprogramm „Gott“ nicht auftauchte, hatte vor ihrer Convention keiner gemerkt, zumindest keiner gesagt. Genüsslich schlachteten die Republikaner (und die ihnen wohlgesonnenen Medien) diesen Treffer aus – so genüsslich, dass die Demokraten sich in einer peinlichen Posse genötigt sahen, dies spontan in Charlotte zu ändern. Bei Jon Stewart kann man es nachsehen, Fremdschämen inklusive.

Ansonsten konnten wir wieder einmal beobachten, dass die Parteien zwar viel übereinander, aber letztlich doch aneinander vorbeigeredet haben. Die New York Times hat es sehr schön visualisiert: Es geht um die gleiche Wahl – und doch versuchen beide Seiten, gänzlich unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen.

Business (positiv) und Government (negativ) dominierten die Wortwahl der Republikaner, Middle Class und Education jene der Demokraten. Jede Seite versucht ihre Begriffe, ihre Prioritäten, ihren Blick auf die Lage der Dinge durchzusetzen. Konkrete Inhalte bleiben da mitunter auf der Strecke und es braucht einen Altmeister wie Bill Clinton, um das Spiel mit ein wenig Substanz zu unterfüttern.

Abpfiff der Aufwärmphase

Übrigens dürfte diese Einseitigkeit der Kommunikation auch der Grund für die berühmt-berüchtigten „Convention Bumps“ sein. Nach ihrer Convention hüpfen die Kontrahenten der jeweiligen Seite in den Umfragen kurzfristig nach oben. Warum? Weil ihre Begriffe, ihre Prioritäten, ihr Blick auf die Lage der Dinge für einen kleinen Moment lang praktisch Monopolcharakter haben. Der Gegner steht nicht auf dem medialen Spielfeld, da schießen sich leicht ein paar Tore.

Aber die Aufwärmphase ist jetzt vorbei. Jetzt beginnt das Horse-Race in vollem Galopp – und mit harten Bandagen. In den kommenden zwei Monaten geht es darum: Wer liegt vorne? Wem gelingt es, sich abzusetzen? Wer ist geschwächt und angeschlagen? Wer kann Treffer landen? Anhänger von Sportmetaphern werden auf ihre Kosten kommen.

Game Frame

Hunderte von Umfragen werden als Messlatte dienen. Die Sache selbst, die guten alten Inhalte treten da gerne mal ins zweite Glied. „Game Frame“ nennen das Kollegen aus der amerikanischen Kommunikationswissenschaft.

Wer übrigens glaubt, das sei typisch amerikanisch, der schaue sich nochmal das Interview von Ulrich Deppendorf mit Sigmar Gabriel im Bericht aus Berlin von gestern an. Und im nächsten Jahr wird’s noch ein Bisschen mehr davon hier bei uns geben. Freuen wir uns schon jetzt auf Günter Grass und seinen Chat mit dem Barhocker, auf dem Angela Merkel nicht sitzt.

 

Dr. Thorsten Faas twittert als @thorstenfaas über seine Spezialgebiete Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlstudien, mit Einsprengseln aus Fußball und Society. Auf ANTROBIUS untersucht er meist montags Machtfragen aus der Perspektive des bundespolitischen Bundestrainers und schreibt im Wechsel mit Dr. Bieber.

Foto: antrobius