Von der hässlichen und der schönen Seite der Politik.

 

Was für ein politischer Montag. Neben der hässlichen Seite der Politik (siehe rechts: Machiavelli’s corner) und der tragischen Seite der Politik (siehe McAllister) konnte man gestern allerdings auch die schöne Seite von Politik begutachten.

Nach Barack Obamas Rede zur eigenen Amtseinführung sang nicht nur Beyoncé recht ergreifend die Hymne, sondern es trat auch der bis dato eher unbekannte Dichter Richard Blanco aufs Podium. Es ist das fünfte Mal, dass ein Dichter bei einer Amtseinführung des Präsidneten spricht. Erster war es Robert Frost, 1961 für John F. Kennedy. Eine feine Tradition also; diesmal tritt ein zurückhaltender junger Mann ans Pult: Latino, jung, schwul und Dichter; das allein schon schien der Berichterstattung bemerkenswert – vor allem aber der Text.

Blanco zeichnet das Bild von einer gemeinsamen Erfahrung, durch eine Collage von Alltagsmomenten. Amerika unter einem Sonnenstrahl, der über das Land streift, von Küste zu Küste; und wer den frühesten Sonnenaufgang der USA auf Cadillac Mountain im Bundesstaat Maine einmal miterlebt hat, kann sich der Kraft dieses Bildes nicht entziehen.

Vor allem, weil Blanco die Existenz der Vereinigten Staaten nicht als gottgegeben formuliert, sondern vor allem als von den Händen seiner Bürger gemacht, aufgebaut, erarbeitet. Es sind eben nicht die mächtigen Prediger, die Hoheit über den politischen Diskurs beanspruchen. Politik ist von und für die Bürger. Nicht umsonst zitierte Obama in seiner Rede unablässig die Unabhängigkeitserklärung: „We, the people“, schloss sich selbst und damit die Politik aus gestaltende Kraft mit ein.

Die Bürger, der Präsident aus ihnen und ihre Abgeordneten treffen hier Entscheidungen. Es ist ihr Land, sie müssen für diese Entscheidungen auch geradestehen. Diese unelitäre, demokratische und weltliche Botschaft mag manchen nicht gefallen haben – aber sie tönte zumindest an diesem frostigen Januartag das schöne Ideal von Politik vom Capitol über die Mall von Washington.

One Today – zu sehen auf den Seiten von PBS

Foto: ANTROBIUS, Sonnenaufgang am Cadillac Mountain