Von Smartphone zum SmartTV – Wie das Fernsehen die Zukunft überlebt

 

Mit der zunehmenden Bedeutung des Netzes stellt sich für Fernsehmacher die Frage, wie die Inhalte aussehen, die man mit Hilfe der neuen Vielzahl von Endgeräten sehen kann. Denn allen neuen Geräten gemein ist, dass auf ihnen Fernsehen kein lineares Programm mehr ist, sondern nur noch eine App, die auf den Geräten neben vielen anderen Programmen und Funktionen schlummert.

Von Kay Meseberg

Wo haben sie gestern Nachrichten konsumiert?  Media Control veröffentlichte 2012 einen Vergleich der Fernsehquoten der Hauptnachrichtensendungen von heute zu den Quoten von vor 20 Jahren, also genau dem Zeitraum, den das Internet die Allgemeinheit begleitet. Tagesschau, heute, RTL aktuell und Sat.1-Nachrichten verlieren in diesem Vergleich seit Jahren konstant Zuschauer. Tagesschau und heute erleben demnach 2012 sogar einen neuen Tiefpunkt. ZDF-Chefredakteur Peter Frey räumte ein: „der Markt und die Verbreitungsplattformen ändern sich“.

Eine weitere sehr aktuelle Studie zeigt recht deutlich, wie sich in den letzten gut 20 Jahren in den USA der Nachrichtenkonsum geändert hat. Auf die Frage: Wo haben sie gestern Nachrichten konsumiert? antworten die Probanden: Seit 1991 weniger und weniger “in der Zeitung” oder “im Radio”. Seitdem auch weniger aber nicht ganz so krass “im Fernsehen”. Seit 2006 eine steil ansteigende Kurve für “Online oder Mobil”. Die Studie prognostiziert allerdings gerade dem Fernsehen schwierige Zeiten. Denn dieses Medium habe noch nicht erlebt, was Musik-Industrie, Print und andere durchgemacht hätten: So dürfe das Fernsehen “seinen Halt in der kommenden Generation der Nachrichten-Konsumenten verlieren”, urteilen die Autoren.

Dramatischer Wandel

Begründet wird dies nicht nur mit dem erheblichen Anstieg des Nachrichtenkonsums im Netz sondern auch mit dem noch erheblicheren Wachstum beim Nachrichtenkonsum über so genannte soziale Netzwerke: seit 2010 von neun auch 19 Prozent. Besonders dramatisch bei den unter 30-Jährigen: Dort wurden Nachrichten zu fast gleichen Teilen (33 bzw. 34 Prozent) über soziale Netzwerke bzw. TV konsumiert, nur noch 13 Prozent über digitale oder analoge Zeitungen.

Zuschauer mit Wischrechnern

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hierzulande Entwicklungen eintreten, die für die USA bereits festgestellt werden. Bereits jetzt wird Fernsehen anders konsumiert. Viele „Zuschauer“ nutzen ihre Laptops oder Wischrechner wie Smartphones oder Tablets regelmäßig als zweiten Bildschirm – second Screen. ZDF-Intendant Thomas Bellut hat für seinen Sender den Wischrechner-Effekt bereits gespürt: „Tablets und Smartphones haben für eine deutliche Zunahme bei der zeitversetzten Nutzung von Fernsehsendungen gesorgt. Dies bestätigt unsere Anstrengungen bei der konsequenten Weiterentwicklung der ZDF-Mediathek, die signifikante Reichweitenzuwächse verzeichnet.“

Bereits heute verzeichnet das ZDF in seiner Mediathek Zugriffe von acht bis zehn Prozent von mobilen Geräten. Das entspricht Zugriffszahlen, die in den fünfstelligen Bereich gehen, ist aber wohl erst ein Vorgeschmack der rasanten Entwicklung auf dem mobilen Markt. Denn der Run auf die mobilen Geräte und die Schwäche der traditionellen Medien hat weitreichende Folgen und erschüttert selbst in die Jahre gekommene Riesen der eigenen IT-Branche. Bei Microsoft und Google bedrohen die Wachstumsraten des mobilen Webs das Kerngeschäft. Denn die Geräte funktionieren mit ihren Apps nach anderen Prinzipien als beispielsweise ein Desktop-Rechner. Apps sind nicht durchsuchbar. Folglich kann dort nicht neben Suchergebnissen Werbung platziert werden – Googles Kerngeschäft. Für ein iPhone braucht man kein Windows-Betriebssystem und kein Office-Paket. Hier geht Microsoft leer aus.

Nutzung flüchtiger

Was bedeutet all das für Medienmacher? In den Geräten treffen sich alle bisher vorhandenen Mediengattungen, laufen dort in Form von Hinweisen über soziale Netzwerke oder Email ein, können sofort betrachtet, bewertet, kommentiert, zitiert, verarbeitet und weiterempfohlen werden. Unter viel Schweiß entstandene Sätze werden flink überflogen. Die Nutzung ist flüchtiger. Den Nutzer aber wirklich zu begeistern und vor allem lange für seine Inhalte zu interessieren, ist angesichts der Fülle des Angebots ungleich schwieriger.

Die Vielzahl der Bewegtbild-Angebote auf den kleinen, handlichen Geräten übersteigt heute deutlich das, was selbst zu Hochzeiten des Kabel- und Satelliten-TV-Booms in den Programm-Portfolios üblich war. Wenn Youtube beschließt, 60 Spartenkanäle zu starten, sind die auch auf den mobilen Geräten abrufbar und stehen dort in direkter Konkurrenz zu allen abrufbaren Fernsehprogrammen der Welt.

Für das klassische Fernsehen eine wahnsinnige Herausforderung: Plötzlich muss Programm nicht nur auf Bildschirmen zwischen wenigen Zentimetern und über einem Meter Diagonale Sinn machen. Sondern auch beim Warten auf Bus und Bahn, als auch auf der heimischen Couch funktionieren.

Statt wegzappen und wenigstens dem Medium treu zu bleiben, landen die Nutzer gleich bei komplett anderen Angeboten, unterhalten sich, telefonieren, lesen dann doch lieber ein Buch oder stöbern in den Video-Archiven der Welt danach, wie Fernsehen früher so aussah, bevor es zu einer App, einer Fan-Page bei Facebook oder einem Twitter-Account wurde. Das Verschwinden der alten Fernsehwelt und ihrer altbekannten Geräte ist nur eine Frage der Zeit, wie es Professor Nir Tessler von der Technion University in Israel für die nächsten 20 Jahre prognostiziert.

Mehr TV?

Fakt ist: noch nie war das Produzieren und Veröffentlichen von Bewegtbild-Inhalten so leicht wie heute. Kamera-App an, Aufnahme, dann direkt bei Youtube laden – fertig. So kann heute jeder – technisch gesehen – Bewegtbild produzieren, das sogar das Label HD trägt. Bei journalistischen Skills wird aber weiterhin schnell klar werden, wer das beruflich macht und wer nur ambitioniert.

Dennoch ist ein Einlassen auf die Bewegtbild-Medien-Welt von Smartphone bis Smart TV, deren Kopplung an eine Netzwerk-gestützte Verbreitung und eben kein lineares senden zwingend notwendig.

Erste, erfolgreiche Schritte sind dabei auch schon gemacht. Wenn ZDF-Journalisten über Twitter direkt und live unter @reporterZDF von aktuellen Geschehnissen berichten, hat das einen Live-Charakter, der einem „Live vor der Kamera ins Mikrofon sprechen“ im TV in nichts nachsteht und sogar einen viel unmittelbareren Eindruck vermittelt, da für die 140-Zeichen-„Sendung“ ein Daumen reicht. Also Fernsehen wie es leibt und lebt nur mit anderen Mitteln.

Wie das mal besser werden kann

Bisher ist es so, dass in den meisten Medien eine Produktion zu einem bestimmten Sende- oder Veröffentlichungsdatum hin erstellt wird – egal ob ein Bericht in einer Nachrichtensendung, eine Dokumentation oder die große Samstag-Abend-Show. Im Netz aber wird 24/7 „gesendet“. Folglich muss man im Netz auch anders an die Veröffentlichung herangehen.

Sechs Punkte für eine zeitgemäße Produktion:

1. Probieren, Zuschauerschaft aufbauen

Das Netz gibt einem Sender oder Produzenten neben der Verbreitung die Möglichkeit, niederschwellig zu produzieren, eine Idee mit geringem Aufwand auszuprobieren. Warum also nicht mit kleinen Filmen anfangen und dann peu á peu draufsatteln, unter Einbeziehung der Zuschauer und Nutzer der im Netz gesehenen Inhalte.

2. Der Segen der Serie

Die serielle Produktion unter einem bestimmten Label ist Grundvoraussetzung für Erfolg im Netz. Nur ein Video zu zeigen, ist wahnsinnig riskant und kann schnell zum Misserfolg geraten.

3. Nicht einer sondern viele Kanäle

Wichtig und nicht zu unterschätzen: Die einzelnen Folgen der Serie müssen in verschiedenen Kanälen landen und nicht nur auf einer Plattform.

4. Crossmedia

Eine weitere Zutat des berlinfolgen-Erfolgsrezepts ist die von vornherein angedachte crossmediale Auswertung der Inhalte.

5. Neue Bilder und neuer Schwung

Eine der größten Herausforderungen sind die Bilder. Die müssen auf großen und kleinen Screens funktionieren, packen, reinziehen, Geschichten verdichten. Fotos leisten hier oft mehr als Video. Gelungen sind Filme, wenn Bild und Ton in Schwingungen miteinander treten und sich aus den beiden Medien etwas völlig neues entwickelt.

6. Authentisch muss es sein – packend erzählen

Authentisches Erzählen ist der wichtigste Aspekt. Wenn man es als Journalist schafft, bei wirklich spannenden, die Person betreffenden Ereignissen dabei zu sein, man sich gekonnt der multimedialen Klaviatur bedient und Informationen geschickt veranschaulicht und in die Story einbettet, dürfte es ein Leichtes sein, packende Geschichten zu erzählen, die egal auf welchem Screen gut funktionieren.

 

Kay Meseberg ist ein wandelndes Onlinefeuilleton. Digitaljournalist bei arte, Regisseur für 2470media, und ansonsten konzentrierter Beobachter der… ja, der Welt. Die von ihm mitentwickelte Webseite polylog.tv wurde 2007 mit dem Grimme-Online-Award und dem österreichischen Staatspreis für Multimedia ausgezeichnet. Im Team mit 2470media hat Kay Meseberg mit “After the War” aus der Serie “Soccer for Life” den Deutschen Reporterpreis 2010 gewonnen – und 2012 den Grimme-Online-Award für Berlin folgen!. Der Berufsvirtuose im crossmedialen Raum versorgt ANTROBIUS immer wieder mit Anstößen zu Machtfragen und Überlegungen zum urbanen Überleben.

 

Dieser auf ANTROBIUS in gekürzter Fassung veröffentlichte Text entstand im Rahmen der Konferenz THINK cross – CHANGE media an der Hochschule Magdeburg-Stendal – und ist auf der Website der Hochschule in voller Länge zu lesen. Wir danken der Hochschule Magdeburg-Stendal und Kay Meseberg herzlich für die Möglichkeit der Veröffentlichung.

 

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Foto: ANTROBIUS