“Wandel zulassen heißt auch: Mut beweisen.”

 

“Live your life to the fullest” Gerade jetzt, wo alle übers Sparen reden und über Krise, mag das fremd klingen. Vielleicht zynisch. Denn längst machen sich Ängste breit. Vor dem Versagen des Systems. und vor der eigenen, persönlichen Zukunft. Dabei kann man Wandel auch mit Mut begegnen. 

Die Berliner Tänzerin Marlene Raker und die Filmemacherin Sabrina Knierim haben dazu eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Installation gezeigt. Nicht nur, dass die Integration von Zeichnung, Tanz, Videokunst und Raum in ihrer Arbeit “White Swans” so harmonisch aufgeht wie nur selten. Die Bewegung des Tanzes, übersetzt sich in einer Zeichnung auf einer riesigen Papierrolle in den Raum, erfüllt ihn ganz, während auf mehreren Bildschirmen die Performance spürbar wird.

Bemerkenswert allerdings auch, und das ist bei Videokunst leider nicht so oft der Fall, weil man endlich gutes Handwerk sieht. Endlich eine Künstlerin, die sich nicht auf eine pseudo-authentische Mischung aus schlecht geführter Handkamera mit Automatik-Modus und fehlender Dramaturgie im Schnitt verlässt, um das Ganze am Ende als Auseinandersetzung mit gültigen Konventionen zu verkaufen. Das haben wir zu oft gesehen. Stattdessen legen sie einen starken Film vor, der nicht das Medium, sondern den Tanz von Marlene Raker und das Thema “Angst und Wandel” in den Mittelpunkt rückt.

“White Swans” stellt die Geschichte von Angst und Wandel in den Vordergrund. Und darüber zu reden ist grade heute wichtig. “Getrieben von Angst und Neugier lasse ich den Wandel zu. Ich bin mehr als ich glaubte zu sein.“ 

 

ANTROBIUS im Gespräch mit Marlene Raker und Sabrina Knierim 

antrobius: Welche Ängste treiben uns heute Eurer Meinung nach?

Marlene Raker: “Das ist schwer zu sagen, da die Reaktion auf Angst so unterschiedlich ist. Angriff oder Flucht – diese Entscheidung muss man treffen. Für viele Menschen ist Flucht der vermeintlich sicherere Weg. Existenz- und Zukunftsängste sind denke ich sind heute am weitesten verbreitet und real geworden. Fast jeder Mensch kann aus eigener Erfahrung dazu etwas berichten.

Mein Ansatz war eine andere Form von Angst; eine, die noch nicht in jeder Apothekenumschau “beängstigt”. Die Angst vor dem Wandel in sich selbst. Denn wenn man merkt, dass man Bedürfnisse hat, die nicht nicht befriedigt werden, wenn man merkt, dass man eigentlich ausgebrannt im Job ist und lieber Bücher schreiben möchte, wenn man merkt, dass man die Liebe zum Partner nicht mehr fühlt etc. müsste man Konsequenzen ziehen, um nicht von den eigenen Schuldgefühlen zerfressen zu werden. Und das ist denke ich auch ein Grund, warum es zuweilen so schwer fällt Wandel zuzulassen. Konsequenzen ziehen, Wandel zulassen heißt auch Mut beweisen. Offen zu sein und Vertrauen zu haben, in sich, in das Neue. Die alte vermeintliche Sicherheit und Gewohnheit zu verlassen. Davor haben viele Menschen Angst. Und so ist es fast wie ein Teufelskreis (Angstkreis) den es zu durchbrechen gilt.”

antrobius: Warum das Motiv des Schwans?

Marlene Raker: “Der Schwan ist für mich ein beeindruckenes Tier (und das nicht nur, weil ein Schwan mich als Kind angegriffen hat und meine Mutter Angst um mein Leben hatte…) Mich fasziniert der ganze Mythos um den Schwan. Wie oft wurde dieses Thema schon in der Kunst aufgegriffen. Ein Schwan trägt so viel Eleganz, so viel Würde und so viel Ruhe in sich und zugleich so viel Macht und Aggressivität. Innerhalb von Sekunden kann er sich aufrichten und einen beänstigenden Angriff starten. Ich habe eine große Faszination und Respekt diesen Tieren gegenüber – diese Mischung finde ich spannend und bietet mir viel Inspiration, dies tänzerisch umzusetzen.”

 

 

antrobius: Das Video wurde intuitiv und in kürzester Zeit gefilmt, schreibt Ihr.

Sabrina Knierim: “Die Bildgestaltung wurde während unseres Drehs stark vom Raum beeinflusst. Die Möbel meines WG-Zimmers haben wir zuvor im Flur gelagert; die Fenster mit Müllsäcken verdunkelt. Das Zimmer stand voller Lichtequipment. Wir haben mit zwei Kameras gleichzeitig gefilmt und unsere Perspektiven sehr oft gewechselt. Es war eine Millimeterarbeit mit den uns zur Verfügung stehenden Objektiven – immer wieder sind wir an unsere Grenzen gestoßen. An dem Wochenende haben Martina und ich noch zwei weitere Videoprojekte abgedreht.”

Sabrina Knierim: “Im Schnitt habe ich versucht, gerade am Anfang des Films, den Raum optisch durch Spiegelungen zu vergrößern, um Orientierung zu geben/Platz zu schaffen. Im Verlauf des Videos bewege ich mich weg vom kontinuitiven, linearen erzählen. Das war auch für mich persönlich wichtig, denn als ich mich entschloss mit dem Schnitt zu beginnen, hatte ich gerade meine Kündigung erhalten. Das projeziert sich für mich.”

   

antrobius: Was ist Euch an diesem Werk besonders wichtig?

Sabrina Knierim: “Bezüglich der Installation wollte ich den Zuschauer anfangs überfordern. Vier sehr kleine Screens, ähnlich eines Kameramonitors, Orientierungslosigkeit. Und trotzdem nur ein kleines, dunkles, enges Kellerloch. Ich finde die Vorstellung toll, dass man sich seinen Schnitt selbst ‘erschauen‘ kann und seinen eigenen Rhythmus finden kann in den Bildern. Es bedeutet im weiten Sinne: Geh deinen eigenen Weg.”

Marlene Raker: “Ich möchte mit meiner künstlerischen Arbeit nicht belehren. Ich möchte Geschichten erzählen, in denen sich der Rezipient seine eigene Wahrheit suchen kann. In diesem Tanzvideo bleibt das Ende offen, habe ich den Wandel zugelassen? Konnte ich die Angst vor dem Ungewissen überwinden? Ich habe es aber zumindest versucht und mich geöffnet, mich hingegeben. “Live your life to the fullest” – sehr plakativ, aber darum geht´s!”

Fotos und Filmstills: Sabrina Knierim
aus der Installation “White Swans” zu sehen bei 48 Stunden Neukölln 2012
Fotos der Installation: antrobius