Wann, wenn nicht jetzt – wer, wenn nicht wir?

Am 17. November vor 25 Jahren gingen Studierende in Prag auf die Straße und forderten Freiheit ein: Die ihnen erst die Nazis, dann der Kommunismus genommen hatten. Dass und wie die deutsche Geschichte  mit den Ereignissen in Prag 1939 und 1989 verbunden ist, wird im 25-Jahre-89-Trubel leider unterbelichtet. Wir schauen hin.

Wir dokumentieren einen Text aus der aktuellen Ausgabe der Studentenzeitung UnAufgefordert an der Humboldt-Universität zu Berlin: Die Zeitung erschien übrigens an jenem 17. November 1989 zum ersten Mal – und zwar auch während einer Studentendemonstration (in Ost-Berlin).

Von Sebastian Beug

Prag, ein Septembernachmittag. Ich treffe Táňa Marková in der Innenstadt, wir sind zu einem Stadtrundgang der besonderen Art verabredet. Marková, heute Anfang 50, war eine der Studierenden, die am 17. November 1989 für die Freiheit demonstrierten. Heute will sie mir die Schauplätze der Proteste zeigen und die damit verbundene Geschichte erzählen.

Im Herbst 1989 studierte Táňa Marková  Film- und Theaterwissenschaften an der Prager Karls-Universität, nebenbei engagierte sie sich beim Studentenmagazin „Situace“ – zu Deutsch „Situation“ und im Filmclub. Sie erinnert sich noch gut, wie begeistert ihre Kommilitonen und sie damals die Geschehnisse in den anderen Ostblock-Staaten verfolgten und wie frustriert sie zugleich über die Situation in der eigenen Heimat waren.

Ungarn baute demonstrativ seinen Grenzzaun zu Österreich ab, einige DDR-Bürger konnten über die Prager BRD-Botschaft in den Westen ausreisen und in Polen gab es die ersten teilweise freien Wahlen. Doch in der Tschechoslowakei behielt das kommunistische Regime die Oberhand. Oppositionelle und Reformer wurden seit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 massiv unterdrückt.

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„Als Anfang November sogar die Berliner Mauer gefallen ist und sich bei uns immer noch nichts wirklich veränderte, waren wir deprimiert“, sagt Táňa Marková. Die Prager Studierenden wollten auf die Missstände im eigenen Land aufmerksam machen und meldeten ganz offiziell einen Marsch für den 17. November an. Dabei wählten sie dieses Datum mit Bedacht. Der 17. November war in der Tschechoslowakei ein antifaschistischer Gedenktag mit hoher Symbolkraft, der an die Unterdrückung von Studierenden durch das NS-Regime erinnern sollte. Jan Opletal, ein Prager Medizinstudent, war während einer Demonstration gegen die Nationalsozialisten im Oktober 1939 von deutschen Polizeikräften erschossen worden. Auf dem Weg zur Beisetzung folgten seinem Sarg hunderte Prager Studierende. Hitler reagierte mit der „Sonderaktion Prag“ und ließ am 17. November 1939 die tschechischen Hochschulen schließen, Studierende verhaften und in Konzentrationslager bringen. Bis heute ist der 17. November deswegen der Internationale Tag der Studenten.

“Wann – wenn nicht jetzt? Wer – wenn nicht wir?”

Der Plan der Studierenden sei es gewesen, 50 Jahre später eine Parallele zur Unterdrückung in der Nazizeit zu ziehen, erklärt Marková. Die Demonstration sollte in der „Opletalova“, einer nach dem Opfer benannten Straße enden – doch die Route wurde von den Behörden nicht genehmigt. Stattdessen zogen sie in den Stadtteil Vyšehrad.

So beginnt unser Spaziergang auf einem kleinen Platz südlich des Zentrums und nördlich von Vyšehrad, die botanische Fakultät der Karls-Universität liegt ganz in der Nähe. An einem Gebäude hängt eine Bronzeplatte mit dem Schriftzug: „Wann – wenn nicht jetzt? Wer – wenn nicht wir? 17.11.1989“. Hier versammelten sich damals die ersten Studierenden, darunter Táňa Marková. Es gab einige Ansprachen, dann zog die Gruppe den Hügel zum Vyšehrader Friedhof hinauf. Die Bedeutung des Ortes kann man noch heute spüren. Auf dem Friedhof liegen nationale Helden der Tschechen begraben. Gräber von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Musikern reihen sich aneinander, darunter Namen wie Bedřich Smetana oder Antonín Dvořák.

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Die Studierenden zündeten Kerzen an, die Gruppe war mittlerweile so groß, dass gar nicht alle auf den kleinen Platz passten. Die letzten Teilnehmer der Demonstration standen plötzlich an der Spitze und marschierten los, auf einer nicht mehr genehmigten Route die Moldau hinab. Der Weg zur Nationalstraße dauert als Spaziergang – zu zweit und ohne Transparente – etwa eine halbe Stunde. Am 17. November 1989 sind es Stunden.

„Die Stimmung war enthusiastisch“, erinnert sich Marková, „die Menschen in den Trams, die Schauspieler auf dem Balkon des Nationaltheaters winkten uns zu. Die Strecke an der Moldau war der bewegendste Teil. Wir haben gerufen: Kommunisten sind Clowns!“ In diesen Parolen brach sich Bahn, was sich seit Monaten in kleineren Demonstrationen angekündigt hatte. Und auch an den Universitäten regte sich bereits leiser Widerstand gegen die Repressionen des Regimes. Studentische Medien dienten als Plattform für den Protest gegen die politischen Verhältnisse. Táňa Marková hat eine Ausgabe des Studierendenmagazins „Situace“ aus dem Herbst 1989 mitgebracht – S!TUACE ’89 Special Edition. Das Cover zeigt die Totenmaske von Jan Palach, der sich Anfang 1969 aus Protest gegen die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannt hatte.

Die Samtene Revolution: “Unsere Hände sind leer, wir haben keine Waffen”

Doch dass das System dann in nur wenigen Wochen stürzte – und das weitestgehend  gewaltfrei –hatte am 17. November niemand vorausgeahnt. Denn als der Protestzug in die Nationalstraße einbog, kesselten Polizeieinheiten die etwa 15.000 Demonstranten ein. Zwischen Theater und der abzweigenden Straße Mikulandská riegelte die Polizei ab und begann, die Studierenden zusammenzupressen.

Am Eckhaus hängt heute das Denkmal zur Samtenen Revolution. Winkende Hände und Peace- bzw. Victory-Finger greifen aus einer Metallplatte hervor, auf der das Datum des 17.11.1989 eingraviert ist. „Vor der Polizei hielten die Demonstranten die Hände hoch – unsere Hände sind leer, wir haben keine Waffen“, erklärt Marková. Dennoch löste die Polizei die Demonstration mit Gewalt auf. Am Ende werden 600 Studierende von den Sicherheitskräften verletzt. Táňa Marková war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zu einem Freund, um „Voice of America“ zu hören und erfuhr erst dort von dem Zusammenstoß. Die Regierung und die Kommunistische Partei unterschätzten die Bedeutung der Demonstration – und eines Gerüchts, das sich danach schnell verbreitete.

„Es gab die Falschinformation, ein Student sei am Vortag getötet worden“, erinnert sich Marková. „Das war brutal, aber wir hielten es für möglich. Deshalb beschloss die Studentenschaft, zu streiken.“ In der Universität engagierten sich die Studierenden in Streikkomitees. Marková arbeitete an der Vervielfältigung eines Films der Demonstration, da die Medien nicht über die Studentenproteste berichteten.

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„Wir waren in der Universität und ich erinnere mich, dass wir keine Angst mehr hatten“, sagt Marková, „wir wollten es riskieren, zu streiken, auch wenn wir vielleicht verhaftet würden.“ Jeder habe mitgemacht, es habe kaum reaktionäre Studierende gegeben. „Die ganze Stadt hat uns unterstützt, wir haben Essensspenden aus der Bevölkerung bekommen.“ Am Wochenende legten auch die Schauspieler der Prager Theater ihre Arbeit nieder, später traten Arbeiter und Angestellte in einen Generalstreik. Die heterogene Opposition aus Bürgerrechtlern,  Intellektuellen, Reformkommunisten, Geistlichen und gewöhnlichen Bürgern unter Führung von Václav Havel, später Staatspräsident, löste das kommunistische Regime bis Weihnachten ab.

“What to tell the kids?”

Táňa Marková arbeitet heute in einer Produktionsfirma und hat mit einem eigenen Filmprojekt die Ereignisse der Samtenen Revolution aufgearbeitet. „Jak to říct dětem? –  What to tell the kids?” heißt ihr Kurzfilm. Darin erzählen Eltern ihren Kindern von den Erlebnissen der Revolution, platzieren sich als Spielfigur auf einem überdimensionierten Stadtplan. „Wir haben versucht, uns spielerisch an 1989 anzunähern“, sagt Marková. „Ich möchte die Menschen ermutigen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“

Geschichten, die leider immer seltener gehört werden. Der 17. November ist heute in Tschechien ein Feiertag. Manche Eltern gehen mit ihren Kindern zum Denkmal, zünden Kerzen an. Doch viele bleiben lieber zuhause, schauen fern oder fahren in die Shopping Mall. „Leider gedenkt nur eine Minderheit des Jahrestags“, beklagt Marková. In Schulen sprächen die Lehrer oft nicht über moderne Geschichte, sagt Marková, selbst Mutter zweier Töchter. „Das ist schade. Kinder lernen etwas über das Alte Rom, wissen aber nicht, was hier passiert ist.“

Fast alle, die heute zur Schule oder in die Universität gehen, kennen nur ein grenzenloses Europa. Táňa Marková und ihre Kommilitonen studierten hinter dem Eisernen Vorhang. Für sie war die Reisefreiheit nach der Samtenen Revolution eine Neuheit. „Noch 1989 bin ich mit meinem Freund nach Berlin gefahren“, sagt Marková, „auch, um ein Stück der Mauer mitzunehmen.“ Es ist ein Zeichen für ein Stück Freiheit, für das sie gekämpft hat.

 

Text und Fotos: Sebastian Beug

Die Studentenzeitung an der Humboldt-Universität UnAufgefordert erschien zum ersten Mal am 17. November 1989 während einer Studentendemonstration in Ost-Berlin. Den Redakteurinnen und Redakteuren ging es darum, eine unabhängige Presse zu schaffen: Ein Forum, in dem über die Zukunft ihrer Universität frei und kritisch diskutiert werden kann.

Die UnAufgefordert ist damit die erste freie Zeitung der DDR aus der Wendezeit – und auch die einzige, die bis heute überlebt. Ein Stück Pressegeschichte im vereinigten Deutschland. Zum 25. Geburtstag erschien am 17. November 2014 eine Ausgabe unter dem Titel „Freiheit“. Aus dieser Ausgabe stammt der hier zweitveröffentlichte Text.