Wenn Dein Kiez zur Aktionsfläche wird. Wie das Urban-Art-Trio .WAV die Stadt zum Hingucker macht.

 

Die Stadt ist einer der Sachen, die immer da sind; die jeden, der in ihr wohnt, betrifft; und die jeder so hinnimmt, wie sie ist. Bis auf .WAV: Sie fordern die Stadt heraus. Mit Aktionen, die einen zweimal hingucken lassen. 

Plötzlich schwimmt ein Eisblock auf der Binnenalster. Klebt das Windows-Emblem an der Apple-Store-Baustelle. Verwandelt sich eine Sitzinstallation in eine Halfpipe. Der öffentliche Raum ist für die Aktivisten von .WAV eine Art Leinwand: mit unglaublich viel Kreativität, Aufwand und einer gehörigen Portion Humor und Dreistigkeit gehen sie der Stadt ans Leder. Ein unauffälliger Einsatz: und schon haben Orte, die von .WAV besucht wurden, eine neue Bedeutung. Wer’s live noch nicht erlebt hat: Zum Glück konservieren Videos diese wunderbaren Augenblicke urbaner Protestkultur.

ANTROBIUS: Der Stadtraum ist Eure Gestaltungsfläche. Wo mischt Ihr Euch ein?

.WAV “Die Idee, die .WAV verarbeitet, befindet sich links neben der Haustür, ist vielleicht eine Brachfläche am Ende der Stadt, ein verwaistes Gebäude um die Ecke, kalte Architektur in der Neustadt, der Sperrmüllhaufen vom Nachbarn oder die vergessene Baustelle vor dem nächsten leerstehenden Büro. Beliebig, zufällig, oft unvorbereitet, gefunden.”

ANTROBIUS: Was bewegt Euch an diesen Orten, künstlerisch in den städtischen Raum einzugreifen?

.WAV “In einem konkreten Moment beinhalten diese Orte für uns die Notwendigkeit der Bearbeitung, Veränderung, Aneignung. Das Bedürfnis der Aneignung folgt aus der Auseinandersetzung mit dem Umfeld des Ortes. Wir versuchen in den Ort einzutauchen, ihn zu erleben, um dann mit dem Prozess vom Hinzufügen, Zweckentfremden und Recyceln etwas auszuarbeiten, mit dem wir in Vergessenheit geratene Missstände, aktuelle Themen, Störfaktoren, Absurditäten, Kontraste manifestieren.

Die Offenheit des Produktes wird durch die vorhandene ortsgebundene Problematik gelenkt; wird durch die Stadt, ihre Planung, das jeweilig bestehende soziale Umfeld und manifestierte gesellschaftliche Missstände eingeschränkt.

Weder das Material, der Ort, die Idee, noch das Ergebnis besitzen oder genießen irgendeinen artifiziellen Selbstzweck. Unsere Arbeitsweise ist, dem Ort und Material entsprechend, bewusst einfach und schlussfolgernd. Sie wird ermöglicht durch die Verwertungsgesellschaft, durch Müll, Ausgesondertes, scheinbar Überflüssiges. Unsere Vorgehensweise ist unserer Arbeitsweise entsprechend.”

ANTROBIUS: Der Humor in Euren Werken ist unverkennbar. Was wollt ihr darüber hinaus mit Euren Installationen erreichen?

.WAV “Die Gesellschaft ermöglicht uns, konventionell im öffentlichen Raum zu arbeiten. Wir können uns verhalten, wie jede andere ungesehene Servicekraft, nur dass wir das Straßenbild nicht durch unsere Tätigkeit täglich reproduzieren… Auffällig bleibt dabei einzig unsere Hinterlassenschaft. Unser Anspruch an sie ist, dass sie den Bewohnern einer Stadt subtile Fragen stellt. Sie darf stören, Sie darf auch erfreuen, definitiv auch verärgern. Im besten Fall begleitet unsere Kunst die Menschen ‘als irgendetwas’ durch den Tag, weckt sogar aus dem Alltag auf, inspiriert einen anderen Blick auf ihre sich stetig verändernde Stadt.” 

Fotos & Videos: .WAV
Aktuell ist ein Teil von .WAV in St. Petersburg unterwegs und bloggt von dort aus.