Wenn die Kanzlerin gegen Antriebsschwäche hilft: Wieso glücklich ist, wer bekennt.

Als Psychiater wird man oft gefragt, ob man es schwerer habe als Angehörige anderer Berufe – schließlich würden immer größer werdende Teile der Bevölkerung einem ihre unsortierten Sorgen vor die Füße kippen.

Von Mazda Adli

Solch putzige Berufsklischees konzentrieren durchaus einige Professionen auf sich. So werde ich regelmäßig von meinem Frisör nach psychotherapeutischen Handgriffen ausgefragt. Täglich ließen sich nämlich, so der strapazierte Hairstylist, ergraute Diven auf seinen Frisörstuhl fallen wie auf eine Therapeutencouch und vermengten überwiegend altersassoziierte Probleme mit Föngeräuschen. Ob es glaubwürdig auf mich wirke, wenn er in mittlerer Tonlage ein verständnisvolles „Mmh-mmh“ in Richtung Spiegel summt.

Vermutlich handelt es sich bei diesen Kundinnen um Vertreter der einst häufigen Spezies rauchender Leinwanddiven, die weite Teile früherer Filme damit verbrachten, ihre Begleiter nach Feuer zu fragen, weil in ihren eng anliegenden Abendgarderoben ein Feuerzeug schwer unterzubringen war. Heute ist die Haut nikotinbedingt gealtert und die Filmbegleiter sind verstorben. Quasi unmöglich sei es nun, so mein Frisör, die unter seinen ondulierenden Händen sich weit öffnenden Herzen der Rauchdiven wieder zu beruhigen. Die diesbezüglich bequemen 70er seien vorbei, wo sich Launenhaftigkeit bereits durch das Gewicht einer gigantischen Turmfrisur von alleine glattbügeln ließ.

Da würde er sich aber noch etwas einfallen lassen müssen, sage ich. Die Bevölkerungsgruppe mit reifer Haut wachse schließlich rasant. Das lehrte uns zuletzt die Bundeskanzlerin auf einem Demografiekongress und machte diesen Wandel damit zur Chefsache. Manch eine Befindensfalte oder Antriebsschwäche mag sich ohnehin geradeziehen lassen, wenn man der Kanzlerin zuhört, statt einfach in den Fön zu jammern. So appellierte sie unlängst bei einer Zukunftskonferenz in Berlin an die Glaubwürdigkeit, als moderne Lebensdevise für alle. Man mag einwenden, dass dies ein kostbares Gut sei, schwer zu erlernen oder sogar eines jener sozial eher ungerecht verteilten Eigenschaften wie etwa volles Haar oder Kulturtechnik Nr. 1: feine Grammatik. Kurz zuvor noch hatte Entertainer Harald Schmidt dazu aufgerufen, mit der bourgeoisen Arroganz der Sprache hart ins Gericht zu gehen, da die Reihenfolge „Subjekt – Prädikat – Objekt“ bereits breite Teile der Bevölkerung ausschlössen.

Meinem Frisör, der mittlerweile stets ein entwaffnendes „Mmh-mmh“ in den Spiegel zu intonieren vermag, sage ich: Glücklich ist und glaubwürdig, wer bekennt. So wie vor einiger Zeit eine Flugbegleiterin und Diva von einst. Nachdem sie sich mehrfach bei der Anzahl der Notausgänge in ihrer Ansage verzählt hatte, gab sie schließlich auf und sagte: „Wenn ich rechnen könnte, stünde ich nicht hier.“ – „Mmh-mmh!“

 

Dr. Adli ist nicht nur Gründer des weltweit ersten Psychiater-Chors. Sondern auch einer der bekanntesten Stress-und Burnout-Forscher Deutschlands. Allein letzteres befähigt ihn in besonderer Weise für ANTROBIUS zu schreiben. Dr. Adli beobachtet unseren täglichen Kampf ums urbane Überleben als Wissenschaftler, mit Herz für die Kunst und mit einer fröhlichen Portion Weisheit.

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