Wer hat die Macht in Ungarn?

 

Was ist in Ungarn los? Im Fokus immer wieder: Ungarns Regierungschef Viktor Orbán. Der die Demokratie in seinem Land von innen zersetzt, wie der Publizist Paul Lendvai in einer glänzenden Analyse zeigt…

Seit Orbán in Ungarn zum zweiten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, setzt er alles daran, die Demokratie in seinem Land von innen planvoll zu zersetzen: Schritt für Schritt zeichnet Lendvai diese Stationen nach. Orbáns Wähler belohnen das.Die Opposition: hilflos und zerstritten. Und: Seit Jahren schauen eine Reihe konservativer EU-Regierungen nahezu sprachlos zu, wie ihr EVP-Kollege Orbán sein Land zunehmend autoritär regiert. Wie er die „liberale westliche Demokratie“ in seinem Land für beendet erklärt.

Grade Ungarn! Das sollte uns Deutsche besonders interessieren. Hier brach der erste Stein aus der Berliner Mauer. Ungarns Schicksal darf uns nicht egal sein. Deshalb ist dieses Buch so wichtig.

Paul Lendvai hat viele großartige Bücher über Ungarn geschrieben, jedes für sich lehrreich und lesenswert: Der aus Ungarn stammende österreichische Publizist ist ein vielbeachteter Kenner seiner Heimat.

Allein der Titel des Buches zeigt schon, wer in Ungarn derzeit das sagen hat: Nicht die Ungarn, nein, es ist Orbáns Land.

Wer Orbán und den Fidesz heute verstehen will, sollte lesen, aus welch ärmlichen Verhältnissen Parteiführer Viktor Orbán kommt, der heute in der Politik bolzt wie als Jugendlicher auf dem Fußballplatz. Der die Verfassung so verbog, dass er nun durchregieren kann. Wie sich das Land veränderte, in dem er an die Macht kam.

Schließlich: Wie sich Orbán an der Macht hält. Ein brutaler Stratege, ein nahezu uneingeschränkter Herrscher, wie Lendvai ihn beschreibt, der sich mehr und mehr von demokratischen Grundprinzipien abwendet. Strippenzieher zwischen Oligarchen. Korruption allenthalben. Wo, das alles zeichnet Lendvai im Detail nach.

Auch wenn Orbán mit einer Volksabstimmung scheitert – wie jüngst bei der Frage darüber, ob Ungarn im Rahmen des EU-Verteilungsschlüssels Flüchtlinge aufnehmen soll – er bleibt vorerst fest im Sattel.

Um Orbán zu verstehen, muss man auch Ungarn verstehen. Genau da ist Lendvai in seinem Element. Der Faktenreichtum in dieser Studie macht dieses Buch zu einem spannenden, glänzenden Panorama. Und: Ein Muss für jeden Journalisten.

 

Lendvai 1ORBÁNS UNGARN.
Von Paul Lendvai
Erschienen bei K&S, Wien 2016
240 Seiten, geb. 24,00 EUR