Who will survive?

 

Für Muse geht’s bei Olympia ums Überleben. Ihr Song fürs Sportspektakel ist ein Kraftakt.

von Wolf-Christian Ulrich

Ungewöhnlich, diese Hymne. Und mutig. Von wegen One moment in time. Anstrengung und Ehrgeiz sind die ersten Assoziationen, nicht Glanz und Siegestaumel. Das Land, das die Industrialisierung erfunden hat, bringt einen Song wie eine Dampfmaschine ins Stadion.

Von einer Top Band. Muse bringt seit Jahren Rock und Rachmaninow auf eine Bühne: in einen unverkennbaren musikalischen Sprache, die auch in „Survival“ klar erkennbar bleibt.

Zu Beginn noch eine elegische Rückbesinnung auf vergangene Momente – an Rachmaninows Klavierkonzerte angelehnt wie bereits „Butterflies and Hurricanes“ vom großen Album „Absolution“. Doch dann katapultiert uns der Song in den Überlebenskampf 2012.

Sofort hört man Robbie Williams und den Brit Pop. In den sich plötzlich martialischen Rufe wie von einer importierten Don Kosaken Kombo mischen; peitschend-archaische Frauenstöhner á la Orff (die auch auf einem modernen Frauentennisplatz hätten aufgenommen sein könnten); dann Powerchords (Gruß an Rammstein); und das ganze opernhaft überzogen mit der notorischen Kraft eines Freddie Mercury.

Schwer erkennbar, der Refrain. Eher Teil dieser stetigen Steigerung vom archaischen Kriegstanz zum brutalen Kampffinale – das offen bleibt. Abbricht, obwohl sich dieser Song wie eine Panzerkette eigentlich unendlich lange weiterdrehen müsste durch den Morast menschlichen Überlebenskampfes.  *)

Gerade in einer Zeit, in der viele Medien glauben, alles ungewohnte würde das Publikum überfordern, fordert Muse  das Prinzip vom „je einfacher desto besser“ an prominentester Stelle heraus. Keine gefällige Hymne, sondern ein archaischer Schlachtgesang.

Sinnbild für eine Zeit, in der menschliche Werte an der Beute gemessen werden, die wir abends vom Raubzug mit nach Hause bringen. Ein brutaler Song für eine brutale Welt. In der die Träume zusehends abgelöst werden vom Kampf ums bare Überleben („survival“). Das hat nichts mehr zu tun mit dem spielerischen Wettkampf der alten Griechen: einer antiken Übung, die Körper und Geist gleichermaßen herausfordert.

„Survival“ wäre kein Song für „die fröhlichen Spiele“. Für ein Völker verbindendes, integratives Sportfest. Es ist ein Song für eine nicht verzeihende Leistungsgesellschaft in der nicht überlebt, der nicht gewinnt. Eher eine Hymne für Rating-Agenturen als für Diskuswerfer.

Dass sich die Briten diesen Song trauen, ist außergewöhnlich und spricht für eine mutige Haltung zur Moderne. Gleichzeitig nimmt der Song dem Sport die Unschuld. Längst ist klar, dass es hier für viele Sportler um mehr geht als nur um faires Kräftemessen. Mögen es saubere und menschliche Spiele bleiben.

 

*) ANTROBIUS hätte das Video zum Song gerne gezeigt. Das IOC zeigt den Song zwar auf seiner youtube-Seite, lässt aber eine Verlinkung nicht zu. Diese seltsame Politik unterstützen wir nicht. Denn sie zeigt beispielhaft, dass viele im Musikgeschäft noch immer nicht verstanden haben, wie Öffentlichkeit und Internet im Sinne der Kunst und der Künstler zueinander gebracht werden können. Schade.

Foto: antrobius & Coverabbildung zu “Absolution”