Wie entbehrlich ist Digibabble?

 

„Ich habe abgeschaltet. Es war herrlich“, sage ich grade jedem, der’s hören will. Und alle, die auch im Urlaub waren, sagen dasselbe. Der Mehrwert des Dauervernetztseins schien für einen kurzen Moment entbehrlich.

von Wolf-Christian Ulrich

1989 im Prenzlauer Berg. Man hatte kein Telefon, aber ein Mitteilungsbedürfnis. Und was für eins! Was tun? Man ging einfach mal beim Kumpel vorbei und wenn er nicht zu Hause war, hinterließ man mit einem Bleistift eine kurze Nachricht auf einer Zettelrolle an der Tür. Vorteil: Man hat sich bewegt, hat mitbekommen, was so geht im Kiez, man traf Freunde auf dem Weg, man traf sich vor allem zuverlässig zu verabredeten Zeiten. Man redete, feierte, wusste Bescheid, und das Netzwerk funktionierte einwandfrei.

Der Mehrwert des Dauervernetztseins schien für einen kurzen Moment entbehrlich.”

2012 am Rosenthaler Platz. Ich will den Kollegen doch nur zum Kaffee treffen. Um dies zu organisieren, haben wir fünfmal gefacebookt, sechsmal gesimst und dreimal telefoniert. Schließlich ruft er grade noch kurz an und sagt, er sei in 10 Minuten da. Nach 11 Minuten ruft er an und fragt, wo genau am Rosenthaler ich stehe. Wir laufen uns dann telefonierend in die Arme.

Nun komme ich grade aus dem Urlaub und deshalb reden wir als Erstes übers Abschalten. Zwischendurch klingelt es, simst es, mailt es. Wir gucken beiläufig aufs Gerät, tippen beim Reden zuweilen eine Antwort und schielen immer wieder nervös auf den Bildschirm, um die Antwort ja nicht zu verpassen … Ich glaube, der Punkt kommt rüber.

All das hat wenig mit wertvoller Kommunikation zu tun. Es ist außerdem ein Sinnbild für unseren nervösen Umgang mit dem digitalen Informationsstrudel, in dem wir versuchen, über Wasser zu bleiben. Es steht für eine Lebenseinstellung, die vom Echtzeitmultitasking bestimmt ist, das uns nicht in Ruhe lässt.

Offenbar geht’s grad vielen so, und der Held von diesen vielen heißt neuerdings Spitzer. Sein Buch „Digitale Demenz“ entwickelt das digitalskeptische Gefühl einen Schritt weiter: Wenn wir das Denken den Computern überlassen, werden wir selbst nicht wirklich klüger. Sagt er. Und treibt das Ganze Michael-Moore-mäßig auf die Spitze. Die Netzgemeinde reagierte erwartungsgemäß verschnupft.

Nun bringt uns allerdings die gepflegte Portion Kulturpessimismus nicht wirklich weiter. Aber was dann?

Folgender Gedanke: Mich hat im Sommer ein Buch der US-amerikanischen Journalisten Thomas Friedman und Michael Mandelbaum beeindruckt. In einer Bestandsaufnahme der amerikanischen Misere beschreiben sie in ihrem Buch „That used to be us“ die Folgen der digitalen Mediennutzung amerikanischer Schüler und die – unter anderem – daraus resultierende Unfähigkeit vieler Schulabsolventen. Die US-Army hat es zum nationalen Sicherheitsproblem erklärt, dass den Schülern Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen fehlen. Zu viele sind zu dumm für die Armee.

Dauerquatschen hilft nicht

Mein Eindruck: Was dort geschieht, passiert gewöhnlich nach 15 Jahren auch bei uns. Unsere Frage sollte also nicht so sehr sein, wie wir immer kompetenter darin werden, digital zu leben – sondern wie wir unser technologisches Wissen so vertiefen und fortentwickeln, dass wir und unsere Kinder den wissenschaftlichen, technischen, kulturellen und wirtschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wirklich gewachsen sind. Digitales Dauerquatschen hilft uns dabei wenig. Der Technik den Rücken kehren auch nicht.

 

Foto: antrobius