Die Innere Bedrohung. Wie Rechts immer weiter in die Mitte sickert.

 

Immer mehr Menschen in Deutschland haben ein geschlossen rechtsextremes Weltbild. Wo bleibt der Aufstand der Anständigen?

Von Wolf-Christian Ulrich

Manchmal reicht schon die Einzelempirie. Wenn Klaus und Ramon zusammen einkaufen gehen und nacheinander in Ost-Berlin an der Kasse stehen, wird Klaus von der Kassiererin angelächelt und Ramon einen Moment später verächtlich nicht angeschaut. Und ja, für diesen Text ist es notwendig zu erwähnen, das Ramon südländisch aussieht.

Dieser Blick an der Kasse: Eine Erfahrung, die die beiden ständig machen. Alltagsrassismus nennen sie das. Aber Deutschland redet da ungern drüber. Als jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nachweist, dass etwa ein Zehntel der Deutschen offen antisemitisch ist, dass 43 Prozent der Ostdeutschen ihr Land „gefährlich überfremdet sehen“ (obwohl dort fast keine Migranten wohnen), war die Aufregung groß – in den Medien, kurz wenigstens.

Ein „geschlossen rechtsextremes Weltbild“ sehen die Forscher in Ostdeutschland bei 15 Prozent der Menschen, in Westdeutschland bei 7 Prozent. BKA-Chef Jörg Ziercke warnt, der Rechtsradikalismus sei „jünger, aktionsorientierter und militanter“.

Sofort die Schlagzeilen: Schock. Deutschland rechtsextrem. Sofort Zweifler: Die Studie könne so nicht stimmen. Derlei lässt sich sogar aus ostdeutschen Ministerien hören.

Anstatt sich den Ergebnissen zu stellen, wird relativiert. Werden wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel gezogen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Mit dem Ergebnis, dass bald niemand nichts mehr glaubt.

Die Forscher der Mitte-Studie haben ihre Fragen veröffentlicht. “Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.” Oder: “Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.” Oder: “Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.” Nicht wenige Politiker diskutieren nun darüber, genau wie rechts diese Aussagen denn sind. Für viele fallen sie offenbar unter die Kategorie “das wird man ja noch sagen dürfen.”

Ein kritischer Blick stünde uns dagegen gut an. Die Versäumnisse bei der (Nicht-)Verfolgung des „NSU“ stehen täglich in der Zeitung. In Frankfurt/Main wird ein asiatisch aussehender Mann festgenommen, weil er keinen Fahrschein hat. In Hoyerswerda rät die Polizei Nazi-Opfern, doch wegzuziehen. Der Bürgermeister findet das normal. Junge Akademiker in Burschenschaften fordern Arier-Nachweise. Und so weiter. Wer die Zeitungen aufmerksam liest, wird beinah täglich Meldungen finden, die den Eindruck der Studie bestätigen.

Und dann müssen wir uns selbst fragen: Widersprechen wir auf Partys wirklich, wenn einer rassistischen Blökstoff ablässt? Trauen wir uns, Courage zu zeigen? Auch, wenn man hinterher als Spielverderber dasteht? Mischt man sich ein? Und was sagt man denn jener Frau an der Kasse?

Deutschland rückt nach rechts und das – sagt die Studie – ist kein Randphänomen. Doch es wird in der Tat schwierig mit dem „Aufstand der Anständigen“, den Altkanzler Schröder einst einforderte: Denn der scheint in manchen Landstrichen Deutschlands gar nicht mehr gefahrlos möglich.

 

Foto: ANTROBIUS