“Zum Spielen in die Halle!” Seltsamer Trend: Indoor-Spielplätze

 

„Ich war eine Tennishalle!“ Indoor-Spielplätze als kindgerechte urbane Architektur? In den Städten wird es für Kinder immer ungemütlicher – das ist ein (Neben-)Eindruck der aktuellen Debatten entlang urbaner Um- und Neubauprojekte.

Von Christoph Bieber

Moderner Städtebau ist Große-Leute-Architektur, auch wenn Kritiker die Berliner Stadtplanung als „Sandkastenspielerei“ abtun oder das Gezänke um den Hauptstadtunflughafen nicht selten an Auseinandersetzungen im Kindergarten erinnert.

Kinder kommen in den Planungen sowieso bestenfalls am Rande vor – dominiert werden die großen Perspektiventwürfe für die städtische Zukunft von Infrastrukturprojekten, werbewirksamer Leuchtturm-Architektur, Büro-, Geschäfts-, und Wohnumgebungen. Das Resultat sind immer häufiger sehr schicke aber wenig belebte Stadtquartiere, die ihre Anziehungskraft eher auf Touristen als auf Bewohner ausüben.

„Hallo liebe Gäste des Kindergeburtstags von Adina: Das Essen ist fertig!“

Es gibt allerdings auch eine Sonderform kindgerechter urbaner Architektur, die eher per Zufall entsteht und in der es überaus lebendig zugeht: die so genannten Indoor-Spielplätze, eine zumindest gewöhnungsbedürfte Spielart städtischen Zusammenlebens von alt, jung und jünger. Dabei handelt es sich meist um großflächige Hallen, die in einem früheren Leben ihren Dienst als, Lager, Supermarkt oder Tennishalle geleistet haben und nach einiger Zeit des trostlosen Leerstands mit Klettertürmen, Mehr-Feld-Trampolinen, Hüpfburgen und Rutschbahnen wieder zum Leben erweckt worden sind. Der Rest ist (größtenteils) glückliches Kindergeschrei.

„775, Essen Nummer 775, bitte“

Aus der Sicht der Kernzielgruppe handelt es sich hier ganz offensichtlich um einen der „great good places“, die sich dadurch auszeichnen, dass „sie uns durch den Tag bringen“ – das Verdikt des US-amerikanischen Stadtsoziologen Ray Oldenbourg gilt also auch für Menschen unter zehn Jahren. In manchen Fällen gilt es den ersten Respekt zu überwinden: beim Eintreten in den Renn-, Hüpf- und Tobepalast wird man von einem erheblichen Geräuschpegel empfangen – ein Vorgriff auf die Lärmbelastungen jugendlicher Unterhaltungsformate. Das Gewusel zwischen den Spielgeräten, die wie skalierte, buntere Versionen der handelsüblichen Kindergarten- und Spielplatzmöblierung aussehen, verlangt jungen wie älteren Besuchern zunächst einiges ab. Doch spätestens, wenn sich die peer-group ausgelassen ins schnappende Maul eines luftgefüllten Krokodils flüchtet, scheint das Konzept aufgegangen. Das elterliche Begleitpersonal macht es sich bequem und verfolgt das ausgelassene Treiben – so gut es eben geht – im „Gastronomiebereich“, der in etwa den Charme eines Hallenbadrestaurants der frühen 1980er Jahre hat, allerdings ohne Chlorgeruch.

„Die Eltern der Geburtstagskinder Felix, Enes und Sahra bitte einmal zum Bezahlen an die Kasse!“

Schönheitspreise gewinnen diese Erlebnisarchitekturen sicherlich nicht, aber das ist ja auch nicht die Absicht der Betreiber. Dennoch kommentieren Akzeptanz und Erfolg solcher Einrichtungen die Schwierigkeiten einer kinder-orientierten Stadtentwicklung. Die Gebäude leben nur an der „Innenseite“ – Fassade und Nachbarschaft spielen eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt. So herrscht im unmittelbaren Umfeld dieser doch recht weitläufigen Vergnügungslandschaften Tristesse – denn dank ihrer Herkunft als ehemalige Zweckbauten liegen die Indoor-Spielplätze in oder am Rande von Gewerbegebieten oder „Stadtquartieren im Umbruch“. Damit werden sie in gewisser Weise zu den armen Verwandten der durchgestylten Einkaufsquartiere und Shopping Malls, die ja auch immer Angebote für den Nachwuchs konsumfreudiger Besucher einplanen. Jenseits solcher urbanen Kauflandschaften liegen schließlich noch die autarken Phantasiewelten der Freizeit- und Vergnügungsparks, die sich als dreidimensionale Erweiterung von Unterhaltungsmarken wie Disney, Lego oder Playmobil verstehen.

Die Abwesenheit der im Kinderalltag sehr dominanten Markenwelten kann durchaus als Vorzug der ästhetischen Langeweile handelsüblicher Indoor-Spielplätze verstanden werden. Und doch wünscht man sich, dass der mit freundlichem Lärm gefüllte Raum nicht so aufdringlich sagen würde: „Ich war eine Tennishalle“.

 

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Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. okay, and sports. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit DR. FAAS.