Noch so eine Berliner Kopfschüttelnummer.

 

Ein Berliner Verein wehrt sich dagegen, dass der Berliner Senat die romantischen alten Gaslaternen austauschen will: gegen neue elektrische. Die sind leider teuer und giftig und – nicht schön zum Knutschen.

Die Moderne macht vor nichts Halt. Vor allem in Berlin. Die klamme Hauptstadt hat jetzt eine neue Idee. Sie will die romantischen Gaslaternen abbauen und wegwerfen.

Das könnte einem vielleicht egal sein. Aber jeder, der den Knutsch-Test unter einer Gaslaterne und dann unter einem Elektrostrahler gemacht hat, erkennt sofort den Unterschied. ANTROBIUS hat geprüft und kommt zum Urteil: Der Senat knutscht zu wenig. Und ist mit dem halbfertigen Flughafen noch nicht ausgelastet, sonst käme solch ein Stuss nicht zustande.

Harald Martenstein, Kollege und intimer  Kenner Berliner Eigenheiten, ordnet den Vorgang so ein: “Beim Abriss der Gaslaternen fällt einem als Grund wirklich nur Dummheit ein, falls, was man in Berlin immer als Möglichkeit in Erwägung ziehen muss, Korruption und Vetternwirtschaft keine Rolle spielen.”

Die Posse bringt einen kleinen Verein auf den Plan. Der eine Online-Petition zum Erhalt der Berliner Gasbeleuchtung auf den Weg gebracht hat. Der Vereinsvorsitzende Diplom-Ingenieur Bertold Kujath sagt, wieso das eigentlich eine Rolle spielt, welche Farbe das Licht in einer Stadt hat und wie die Stadt beleuchtet wird.

 

von Bertold Kujath

„Licht ist Gestaltung und trägt in hohem Maße zur Atmosphäre des Wohnumfeldes bei. Laternen sind Straßenmöbel, die durch ihr Licht aktiv in das Geschehen eingreifen und somit über Wohlfühlen oder Nicht-Wohlfühlen maßgeblich entscheiden. Leider wird häufig bei Straßenlaternen ausschließlich auf die äußere Form geachtet, die Lichtfarbe einer Laterne spielt bei der Stadtplanung nur selten eine Rolle. Doch die Lichtfarbe einer Laterne ist der sehr viel prägendere Aspekt als die bloße Form des Mastes.“

antrobius.de Die Berliner Koalition aus SPD und CDU möchte das Gaslicht aus angeblich klimapolitischen Gründen löschen. Ist Elektrizität klimaschonender als Gas?

Bertold Kujath: „Natürlich stellt Beleuchtung mit Gas einen Verbrennungsvorgang dar, durch den CO2 emittiert wird. Diese Emission ist aber verschwindend gering im Vergleich zum Berliner Gesamtausstoß. Es ist geradezu ein Witz, während beispielsweise die Zunahme des Flugverkehrs als Standortvorteil begrüßt und gefördert wird, das Klima mit der Abschaffung des Gaslichts retten zu wollen. Erdgas ist Primärenergie, d.h. sie ist so einsetzbar, wie sie aus dem Boden kommt. Strom muss erst unter hohen Verlusten produziert werden; der Berliner Strom übrigens großenteils durch Braunkohleverbrennung.

Gasleuchten sind ausgesprochen langlebig

In Berlin sind noch Tausende von Masten aus dem 19. Jahrhundert bis heute in Funktion und aufgrund des besonderen Energieträgers Gas noch völlig intakt. Die jetzt auf der Abschussliste stehenden Gasleuchten könnten auch dann noch Jahrzehnte stehen, wenn die heute dafür aufgestellten Elektromaste ihre wirtschaftliche Lebensdauer längst überschritten haben. Ein eindrucksvolleres Beispiel für Nachhaltigkeit dürfte schwer zu finden sein.“

antrobius.de Sie scheinen sich mit großer Begeisterung und Engagement für eine Technik einzusetzen, die den meisten wahrscheinlich gar nicht auffällt. Warum bloß?

Bertold Kujath: „Die Berliner Gasbeleuchtung mit ihren ca. 44.000 Einzelexemplaren erzählt Industrie- und Stilgeschichte von der Schinkel- und der Hängeleuchte aus dem Ausgehenden 19. Jahrhundert  über die Aufsatzleuchte der Neuen Sachlichkeit bis zur Reihenleuchte der Nachkriegsmoderne. Sie ist ein Alleinstellungsmerkmal für unsere Stadt. Gaslaternen erinnern mit weiteren Bauten der Gasindustrie als geschlossen erhaltene industrie-historische Infrastruktur an die Zeit, als Berlin eines der Zentren der europäischen Gasversorgungsindustrie war.

Sie verkörpern einen sogen. “outstanding value” und haben somit das Potential zum Weltkulturerbe. Allein die Tatsache, dass sich dieses historische Prinzip der Straßenbeleuchtung in der bewegten Geschichte Berlins bis heute erhalten konnte, macht sie schützenswert. Die Gasbeleuchtung war einer der Motoren der Industrialisierung, ihre Wirkungsweise muss auch für die nachfolgenden Generationen erfahrbar bleiben.

Aus all diesen Gründen arbeitet unser Verein dafür, wenigstens einen repräsentativen Anteil des heutigen Bestandes zu erhalten.“

  

Informationen zur Online-Petition von Gaslicht-Kultur e.V. sowie zu Gaslicht-Sightseeingtouren des Vereins gibt’s hierund auf progaslicht.de, einem weiteren Verein, der sich für die Laternen stark macht oder auf dem Blog Stadt.Bild.Berlin.

Fotos: Gaslicht Kultur e.V.